18. Februar 2002

Die Traumfrau mit der 30-Dollar-Bildung
Puccinis "La Fanciulla del West", szenisch und musikalisch ansprechend neu am Wiesbadener Staatstheater

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Es gibt sie, die richtige Horse-Opera auf der Opernbühne: La Fanciulla del West, ein in Musik gesetzter Western, zugleich vielleicht das mit prägnantestem sozialkritischen Hintergrund bedachte Stück Puccinis (abgesehen vom Tabarro), der sicher kein musikdramatischer Emile Zola war, aber in vielen Details, die scheinbar nur genrehaft oder koloristisch angelegt sind, realistisch Gesellschaftliches berührte. Das sorgfältig gearbeitete Fanciulla-Libretto zeichnet die Goldsucher und Minenarbeiter als kaputte Typen, mehr Männer- als geschriebenen Gesetzen gehorchend, weich und folgsam freilich unter dem Einfluss der schönen, tugendhaften Schankwirtin Minnie. Ihr gelingt es endlich sogar, dem erbosten Männerkollektiv den Banditen Johnson abzujagen, der, von ihr liebend bezwungen, ebenfalls lammfromm wird und mit ihr ein neues Leben anfangen will. Zweisamer chaplinesker Abschied in lichte Fernen...

Indem Puccini, beinahe ausnahmsweise, ein lieto fine im letzten Moment herstellt, verfährt er ähnlich utopisch-amerikanisch wie Kafka in seinem Romanfragment. Trotz romantisierender Überhöhung ist dieses Ende ebenso wenig kitschverdächtig wie die ganze Oper, die zum Inspiriertesten von Puccini gehört und zu Unrecht etwas im Schatten steht. Georg Köhl präsentierte in Wiesbaden eine schlüssige szenische Arbeit. Peter Werners Bühnenbild taugt mit geringfügigen Modifikationen für alle drei Akte; es begrenzt den angedeuteten Schankraum durch ein vor allem für Chorauftritte geeigntetes Baugerüst; im Vordergrund wird Minnies "Privatsphäre" durch ein Sofa markiert. Minnie, die Träumerin mit "Bildung für 30 Dollar", ist von Puppen und Familienerinnerungen umgeben. Schon zu Beginn zeigt sich Johnson kurz im Background als ihr "Wunschmann". Umso klarer wird, dass die bei seinem wirklichen Auftreten in ihr gewecke Zuneigung auch einem Wiedererkennen entspringt.

Die Handlung läuft bedächtig an und erreicht ihren Kulminationspunkt, wenn Minnie im 2.Akt mit dem Sheriff Rance um Johnsons Kopf spielt (sie gewinnt, weil sie falsche Karten zieht). Köhl vermeidet es, Rance als einen zweiten Scarpia zu dämonisieren; auch er ist ein Gescheiterter, bedauernswert auch in seinem erfolglosen und hier zwar rau, aber nicht brutal vorgeführten Werben um Minnie. Raimo Laukka singt mit klar ansprechendem, kraftvollen Bariton, ohne in seiner Darstellung die Härte des "bad guy" im Dreierkonflikt zu forcieren. Johnson, sein tenoraler Widersacher, wird von Mauro Nicoletti zunehmend souveräner intoniert - analog zu seiner psychologischen Wandlung im Banne Minnies, die ihm vertrauensselig den Tresor der Goldsucher zeigt, der für ihn damit selbstverständlich "tabu" wird. Auch die Minnie von Barbara Schneider-Hofstetter mußte sich erst ein wenig frei singen, bis ihre Leidenschafts-Ausbrüche in den späteren Akten imponierende Substanz und Zuverlässigkeit bekamen. Mit leicht abgedunkelten Sopran-Timbre war sie zuvor aber auch schon bei subtil abgetönten Parlandostrecken und Lyrismen voll präsent. Glaubwürdig verkörperte sie eine Figur, die gerade durch ihre Ferne vom Realitätsprinzip (Minnie kennt weder Geschäftsgeist noch "weibliche" Berechnungskünste) von vornherein unwiderstehlich charismatisch anmutet.

Das musikalische Signet dafür ist vor allem ihre zärtlich und großzügig ausgreifende Auftrittsmelodie. Sie wurde vom Dirigenten Wolfgang Ott mit ähnlicher Umsicht zelebriert wie die übrigen Feinsinnigkeiten der Partitur, in der impressionistisches Flair mit Handfesterem abwechselt. Auch um die zupackende Dramatik war die musikalische Diktion nicht verlegen, allenfalls um eine gewisse Lockerheit und Beweglichkeit des Duktus, die sich nicht allein durch die Originalsprache einstellen wollten. Chor und Orchester hatten insgesamt gutes Niveau.

Termine: 22., 25. Februar

Copyright © Frankfurter Rundschau 2002
Dokument erstellt am 18.02.2002 um 21:09:55 Uhr
Erscheinungsdatum 18.02.2002

 


19. Februar 2002

Die Goldgier wird zum Fluch
Im Staatstheater Wiesbaden hatte Puccinis Oper "La Fanciulla del West" Premiere.

Puccinis "La Fanciulla del West" (Das Mädchen aus dem goldenen Westen) stand lange Zeit in dem Ruf, eine drittklassige Wildwest-Oper zu sein. Für den Komponisten hingegen war es "die beste Oper, die ich jemals geschrieben habe". In der Tat hat Puccini hier eine Orchestersprache entwickelt, die wesentlich über das hinausgeht, was er in seinen früheren Opern erreichte. In der Partitur steckt viel Impressionistisches, Puccini malte auf bislang ungehörte Weise feine musikalische Stimmungsbilder - ganz anders als die Schmachtfetzen in der "Butterfly". Und der italienische Meister besaß den richtigen Riecher: 1910, als die Oper an der New Yorker Met herauskam, war der junge, US-amerikanische Film gerade dabei, seine Heimatgeschichte, den Wilden Westen, zu entdecken.

Der Wildwest-Film stand denn auch Pate für die Inszenierung am Wiesbadener Staatstheater. Regisseur Georg Köhl und Bühnenbildner Peter Werner verlegen die Handlung ins Innere einer Goldgräbermine - ein graues, trostloses Ambiente, bei dem schon optisch deutlich wird, dass es aus diesem Gefängnis kein Entweichen gibt. Raue, brutale Männer leben hier, getrieben von der Gier nach Gold, aber oft auch sich vor Heimweh verzehrend. Und zwischen ihnen Minnie, eine junge sensible Frau, der sie fast hündisch ergeben sind, die mit ihnen die Bibel liest und die sich immer mal wieder mit den Puppen Ken und Barbie in eine Traumwelt zurückzieht, die durch ein zerschlissenes Plüschsofa markiert wird.

Sopranistin Barbara Schneider-Hofstetter ist eine Minnie, der es an vokaler Präsenz und gestalterischer Intensität nicht mangelt und der man es abnimmt, dass sie sich in der Männergesellschaft zu behaupten weiß. Im rosafarbenen Petticoat wartet sie auf ihren Traummann, dem Mauro Nicoletti als Johnson so ganz entspricht. Der Italiener gibt den Räuberhauptmann mit edlem Tenor, der es anfangs nicht leicht hatte, sich gegen die Stimmgewalt seiner Partnerin und seines Widersachers, Jack Rance alias Raimo Laukka, durchzusetzen. Der junge Finne stellte sich in Wiesbaden mit kräftigem und kernigem Bariton vor - eine eindrucksvolle Leistung. Stark gefordert wurde der Männerchor, der trefflich von Thomas Lang vorbereitet worden war und Verve im Singen und Agilität im Spiel zeigte. Wolfgang Ott am Dirigentenpult lockte das Orchester aus der Reserve und inspirierte es zu einer passablen Leistung. Bravo-Rufe des Publikums für eine gelungene Premiere. (car)

 


Freitag, 22. Februar 2002

»La Fanciulla del West« am Staatstheater Wiesbaden
«Frau zwischen zwei Männern»

von Christiane Franke

Puccini hielt »La Fanciulla del West« für »die beste Oper, die ich jemals geschrieben habe«. In der Tat verdient dieses Werkneben Hits wie der Bohème, Butterfly und Tosca mehr Beachtung, als ihm zugestanden wird. Davon überzeugt die Inszenierung, die zur Zeit am Staatstheater in Wiesbaden zu sehen ist. Das Libretto basiert auf einem Wild-West-Drama von David Belasco: Eine Dreiecksgeschichte in einem Goldgräberlager um 1850 in Kalifornien. Eine Frau und zwei Männer - dies alleine schon reizt zu grellen Emotionen. Doch Puccini wollte auch das Milieu der Goldgräbercamps einfangen und stellte in einer Reihe von Genreszenen innere und äußere Verrohung der Goldsucher in schriller Gegensätzlichkeit dar. Regisseur Georg Köhler kaschierte dies nicht.

In seiner Wiesbadener Inszenierung platzierte er seine Protagonisten in die schmutzig-staubige Atmosphäre jenes Wilden Westen, in der das Goldschürfen, Spiel und Whisky den Alltag regierten. Emotionen, die auch schon einmal in das Sentimentale abdriften, werden von Jack Rance, einem rigiden Sheriff, in Schach gehalten. Mit äußerster Brutalität ahndet er jegliches Vergehen. Minnie, scheinbar ganz Kindfrau, die selig verträumt in Wollstrümpfen und Sackkleid die männliche Puppe eng an ihr Herz drückt und vonihrem Traummann träumt, lebt unbeschadet in dieser Männerwelt, die sie umschließt. So zeigt es Peter Werners Bühnenbild, ein raumhohes Lager-Rund, in welchem im vorderen linken Bühnendrittel ein rotes Plüschsofa, Schachteln und das Puppen-Paar die Privatsphäre Minnies andeuten. Sie scheint Heim und Herd der Männer, schreibt ihnen Briefe, weicht die rohen Herzen mit Bibelworten auf, spendiert Whisky und hält sich jeden Bewerber auf Distanz. Auch Jack Rance. Doch kaum wird ihr Traum Wirklichkeit, folgt die Katastrophe.

Mit kühler Berechnung ausgetrickst

Ausgerechnet von außen kommt der Traummann. Und Jack Rance, eben noch in Schach gehaltener Bewerber, wird zum erbitterten Rivalen, der seine Macht als Sheriff gebraucht, um an sein privates Ziel zu gelangen. Doch Minnie trickst ihn zunächst aus. Nun ganz kühl berechnende Bar-Lady pokert sie um den Mann ihrer Träume und gewinnt mit einem Trick. Rance weicht, doch die Männer im Lager revoltieren. Minnie gönnen sie keinem, schon gar nicht diesem Räuber Ramerrez alias Johnson, der unter dem Eindruck scheinbar charismatischer Haltung Minnies sich zum guten Menschen wandelt. Doch Minnie, diese starke Frau, wie sie Puccini wollte, überwältigt sie auf ihre Weise. Dies mutet alles irreal, ja fastkitschig, ebenso Minnies unerschütterliche Liebe.

Doch Puccini wollte kein Sterben am Ende, sondern eher sentimentales Davonschreiten in die unendlichen Weiten des goldenen Westens. Damit fällt der Vorhang. Mit auf Langsamkeit angelegten Personenführungen vermittelte Köhler eindringliche Schilderungen. Blitzschnelle Handlungen schreckten kurzzeitig auf. Den Blick in die Psyche der Menschen reduzierte Köhler auf ein Minimum. Dafür schaffte er weiten Raum für die Musik. Dabei gelang eine faszinierende Vernetzung von Wort, Musik, Atmosphäre und Handlung.

Ausschweifende Melodik Puccinis

Puccini hatte in »La Fanciulla« die Solopartien stark deklamatorisch ausgerichtet. Erst im zweiten und dritten Akt greift jene aus seinen früheren Werken bekannte weit ausschweifende Melodik, allerdings unvermindert sparsam. Dafür dominiert das Orchester mit einem Klangkolorit, das gleichermaßen die augenblickliche Situation schildert wie die Befindlichkeiten der Protagonisten. Köhlers Inszenierung bestimmte diese unmittelbarr Verquickung von Handlung, Atmosphäre und Musik, wobei das Staatstheater-Orchester unter der Leitung von Wolfgang Ott eine adäquat stringente Interpretation bot. Und während der Chor mit sattem Männerchorklang stets überzeugte, erzielten die Solisten mit zunehmenderMelodiösität ihrer Arien stimmliche Höhen.

Großartig markig und samtig zugleich entfaltete Barbara Schneider-Hofstetter (Minnie) ihre Stimme, und dies immer wieder auch in Höhen, die für sie keinerlei Anstrengung bedeuteten. Mauro Nicoletti blühte stimmlich nach einem quasi »warming up« auf. Raimo Laukka gelang eine scharfes Charakterprofil der Figur des Jack Rance. Die weiteren zahlreichen kleinen Solopartien waren durchweg mit ausdrucksvollen Stimmen gut besetzt. So gelang eine packende Edel-Western-Oper.

 


18. Februar 2002

Barbie träumt auf dem Plüschsofa
Premiere im Staatstheater:
Puccinis "La Fanciulla del West" in Georg Köhls Inszenierung

Von Kurier-Redakteur
Volker Milch

Liegt es einfach daran, dass man nicht so herzhaft weinen kann, dass das Ende happy ist und bis dahin die latente Lächerlichkeit singender Cowboys die emotionale Identifikation erheblich unterminiert? Warum, fragt man sich auch nach der Premiere von Giacomo Puccinis Oper "La Fanciulla del West" am Staatstheater Wiesbaden, ist dieses "Mädchen aus dem Goldenen Westen" weit weniger populär als die Repertoire-Dauerbrenner "La Bohème" oder "Tosca"? Liegt es daran, dass die "schönen Stellen" weniger leicht als ariose Bonbons aus ihrem Kontext herauszuhören sind? Dabei erinnert das musikalische Umfeld der Lynchjustiz, deren Opfer der Edelgangster Dick Johnson alias Ramerrez beinahe wird, doch erheblich an Cavaradossis Abschied von der Welt. Puccini bleibt Puccini, auch wenn aus Mimi Minnie wird, die Femme fragile einem Mädel mit durch und durch positiver Cheerleader-Ausstrahlung weichen muss.

Bonns 1. Kapellmeister Wolfgang Ott, der mit dem designierten Intendanten Manfred Beilharz in der nächsten Spielzeit nach Wiesbaden wechseln soll, trat jetzt gemeinsam mit dem Regisseur Georg Köhl den Beweis an, dass das Werk bei hoher musikalischer Substanz so kurzweilig wie ein guter Western sein kann - wie dieser zu genießen mit einer Portion Humor und Spaß am Slapstick. Wir sind dem Film nicht fern. Ott also sorgte bei einigen kleineren Malheurs im Graben für einen im Detail griffigen und präzisen, nicht ins Kleinteilige zerfallenden Puccini: Der große Bogen war da, das Staatsorchester ließ sich zu einer sauberen Leistung inspirieren, und von der Welle orchestraler Emotionen konnten sich die Sänger getragen fühlen.

Allerdings stehen dem Staatstheater in dieser "Fanciulla" auch starke Stimmen zur Verfügung: Barbara Schneider-Hofstetter ist eine Minnie mit faszinierend warmen Farben, erheblicher dramatischer Potenz (weniger allerdings in der Höhe). Die dralle stimmliche Statur entspricht da bestens der Erscheinungsform, die ihr Georg Köhl und sein Ausstatter Peter Werner verordnen: Ein breitbeinig im Leben stehendes Goldmädel in grauwollenen Socken. Die Wirtin des Western-Saloons "Polka" hebt im Goldgräberlager sich und ihren Petticoat für den Traummann auf. Am Bühnenrand kauernd hat sie solche Szenen häuslichen Glücks schon mit Puppen nachgespielt: Ken und Barbie, der Minnie später im schweinchenrosafarbenen Kleid immer ähnlicher wird, sitzen glücklich auf dem zerschlissenen Plüschsofa.

Der smarte Dick Johnson entspricht ganz diesem Traum: Ein richtiger Herr unter den verstaubten, verrohten Goldsuchern, für die Minnie eine rührende Bibelstunde hält. Minnies Dick hat allerdings den zunächst für sie nicht sichtbaren Haken, dass er Räuberhauptmann ist. Die Tatsache, dass er sein honettes Familienunternehmen erst kürzlich geerbt hat und offenbar nur sehr ungern leitet, erleichtert Minnie bald die Rückführung auf den Pfad der Tugend erheblich. Mauro Nicoletti leiht dem Gangster schönes Timbre, hat vom Volumen seines elegant geführten Tenors her allerdings keinen leichten Stand gegenüber der Sopranistin und seinem raubeinigen Gegenspieler Jack Rance, den Raimo Laukka mit beeindruckender baritonaler Wucht gibt. Der Sheriff, eine nicht ganz so fiese amerikanische Scarpia-Ausgabe, stellt Minnie ziemlich drastisch nach, bleibt aber chancenlos gegenüber Barbies Ken. Nicht nur das starke Protagonisten-Trio überzeugt, auch in der zweiten Reihe des Ensembles (etwa Jochen Elbert als zuverlässiger Nick) und im von Thomas Lang einstudierten und nun von Wolfgang Ott energisch zusammengehaltenen Herrenchor sind die Leistungen beachtlich. Die vielen harten Jungs aus dem Goldgräberlager, sichtlich schwer tragend an ihrem Schicksal in der Fremde und sich nach Mama sehnend, könnten Georg Köhl und Peter Werner den Vorwurf machen, dass ihnen auf Wiesbadens Bühne der letzte Spaß geraubt wurde: Es gibt nämlich keinen gemütlichen Saloon für den Suff, keine Schwingtür und keinen obligatorischen Steckbrief. Es sieht aus wie im "Totenhaus": Ein bedrückend graues Lager unter einem bedrohlich überhängenden Felsen. Darin eine reine Männergesellschaft, in die nur Minnies Anwesenheit menschliche Wärme bringt. Konsequent brutal ist die kollektive Reaktion der Männer, wenn die (erotische) Hoffnungsträgerin ein amouröses Eigenleben entwickelt. Köhl arbeitet diese Konflikte plastisch heraus, wobei die ständige Präsenz einer naiv träumenden Minnie dramaturgisch auch Nachteile hat: Eine glanzvolle Erscheinung ist ihr so im 1. Akt versagt. Charmant sind die ironischen Zwischentöne der Inszenierung, etwa in der Anbahnung eines sinistren bürgerlichen Idylls zwischen Minnie und dem an seinem Gewissen nagenden Dick: Die Grenzen zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Komik sind in dieser Oper allerdings des öfteren fließend.

 


19. Februar 2002

Explosive Ausbrüche im Bergwerk
Puccinis "Das Mädchen aus dem goldenen Westen"
im Großen Haus des Wiesbadener Theaters

Von unserem Mitarbeiter:
Richard Hörnicke

Handfeste Dramatik, eine "edelmütige Räuberbraut", Sentiment, Goldgräbermentalität, Prügelei, Falschspiel und ein kinogerechtes Happyend - Puccinis Oper "Das Mädchen aus dem goldenen Westen" ("La Fanciulla del West") hat es auf den Bühnen nicht leicht gehabt. Erst in jüngster Zeit erhält die lange Zeit als "Edelwestern par excellence" geringschätzig abgefertigte Oper im Schaffen Puccinis den ihr gebührenden Stellenwert.

Unbestritten ist die kompositorische Qualität des Werks, das in seiner Spannungsdichte, den explosiven Ausbrüchen des ersten Aktes, der melodramatischen Führung der Singstimmen und kühner Harmonik den Komponisten auf dem Weg in die Moderne zeigt. Puccini fesselte an dem Drama David Belascos nicht die vordergründige Liebesstory zwischen der Schankwirtin Minnie und ihrem Traummann John. Leiden und Ausweglosigkeit der im Berginnern schuftenden Minenarbeiter fanden dagegen sein Mitgefühl und inspirierten ihn zu starker Ausdruckskraft.

Dass die hoffnungslose Situation der Goldgräber im Mittelpunkt einer Wiederbelebung der Oper stehen sollte, hat Frank Corsaros Inszenierung des Werks 1982 an der Deutschen Oper Berlin auf beeindruckende Weise bestätigt. Auch Georg Köhl folgt in seiner Inszenierung des Werks am Staatstheater Wiesbaden diesem Aspekt. Er lässt die Handlung im Berginnern spielen, schon optisch wird ersichtlich, dass es aus diesem Gefängnis kein Entweichen gibt (Ausstattung: Peter Werner).

Im trostlos finsteren, von den Schlafkojen der Goldgräber umgebenen Ambiente fixiert Minnies Plüschsofa einen Lichtblick, auf den sich Blicke und Begehren der Männer richten. Minnie ist Allgemeingut, wer diese unausgesprochene Regel zu brechen versucht, zieht sich ihren unversöhnlichen Hass zu.

Köhl erreicht in der Führung des Chores suggestive und bedrückende Wirkung, alle Einzelaktionen erwachsen stimmig aus dem Handlungsablauf. Vor dem Sofa Minnies sind Puppen aufgestellt, Projektionen ihrer Traumwelt, in die sie sich immer wieder zurückzieht. Ungemein fesselnd der Einbruch der Goldgräber im dritten Akt in die Dunkelheit der Mine, ihr Versuch, den Eindringling John zu töten, bevor Minnie den Lynchmord verhindert und mit John das Lager für immer verlässt.

Eine hervorragende Leistung des jungen Regisseurs, auf neuen Wegen, mit Spürsinn und immer nahe am Sujet. Ausgezeichnet auch die Besetzung der Hauptpartien. Barbara Schneider-Hofstetter ist stimmlich und gestalterisch eine Minnie dramatisch gespannten Formats mit explosiven Spitzentönen, weiß sich ebenso in lyrischen Passagen zu behaupten. Auch Mauro Nicoletti als Dick Johnson (Ramerrez) kann mit tenoralen Höhenflügen beachtlicher Konsistenz aufwarten. Bariton Raimo Laukka stellte sich in der Rolle des Sheriffs Rance mit markantem, kernigem, schier unerschöpflichem Stimmmaterial und prägnantem Spiel vor, zweifellos eine Entdeckung.

Aus der Menge des männlichen Sängerensembles hoben sich stellvertretend für alle Günter Kiefer als gutmütig agierender Sonora, Axel Wagner als Ashby, Jochen Elbert als Kellner Nick, Andreas Scheidegger als Trin und Erik Kirchhoff als Bänkelsänger Jake Wallace hervor. Ein Sonderlob für die stark geforderten Männerchöre, präzise vorbereitet von Thomas Lang. Als Dirigent der begeistert gefeierten Premiere fungierte Wolfgang Ott. Er leitete das gut disponierte Orchester souverän und umsichtig, war auch dem umtriebigen Geschehen des ersten und dritten Aktes ein ruhiger und konzentrierter Sachwalter. Man sang in italienischer Sprache, konnte den deutschen Text in Übertiteln verfolgen, wurde dabei unversehens zum Ende des Abends hin mit Computerangaben konfrontiert, kleine Panne eines gelungenen Opernabend.

Nächste Auff. 20.2.; Karten unter 0611/132-32

 

Online Musik Magazin
Februar 2002

Mehr als ein Western

Von Thomas Tillmann
Fotos von Barbara Aumüller

Es wäre ein leichtes für Regisseur Georg Köhl gewesen, die Schwächen von Puccinis "Märchen aus tausendundeiner neuen Welt" (so Dieter Schickling in seiner Biografie des Komponisten) bloßzustellen und sich über die Sentimentalitäten dieses am 10. Dezember 1910 an der New Yorker Met mit Emmy Destinn, Enrico Caruso und Pasquale Amato uraufgeführten Melodramas lustig zu machen. Es wäre kaum origineller gewesen, sich minutiös an die Vorgaben des Librettos zu halten und auf die schlichte Ästhetik von Karl-May-Festspielen zu setzen, die ein mit Filmen des Genres hinlänglich vertrautes Publikum vermutlich auf der Opernbühne als lächerlich empfunden hätte, dem Werk eine aufgesetzte Psychologisierung angedeihen zu lassen oder der Umsetzung der Wagnerschen Erlösungsidee im brutalen Realismus eines Wild-West-Dramas nachzuspüren. Und so war es eine gute Idee, die Handlung ins von Peter Werner in enger Anlehnung an Originalphotos gestaltete, von Thomas Kluth exzellent ausgeleuchtete felsig-staubige Innere einer Goldgräbermine zu verlegen, die trotz kleinerer Veränderungen einziger Spielort bleibt, und das Augenmerk sowohl auf den zeitlosen, an die Konstellation in der zehn Jahre jüngeren Tosca erinnernden Dreieckskonflikt zwischen zwei Männern und einer Frau als auch auf die werkimmanenten sozialpsychologischen Fragen zu legen:

Jungfrau, Mutter und Femme fatale in einem: Minnie (Barbara Schneider-Hofstetter), die einzige Frau im Camp.

Auf engstem Raum zusammengepfercht in winzigen Parzellen, die an die Legebatterien für Hühner erinnern (sieht man von den Pin-ups an den Holzlatten ab), abgeschlossen von der Außenwelt, ohne Tageslicht oder Privatsphäre schleppen sich die Minenarbeiter durch ihren grauen Alltag, in dem der Traum vom großen Geld längst von betäubendem Alkoholkonsum und brutal-rigorosem Regelwerk abgelöst worden ist. Einziger Halt und Projektionsfläche aller unterdrückten Wünsche ist die auf der Bühne stets präsente Minnie, die einzige Frau im Camp; einsam wie ihre Jungs wartet sie auf die eine, wahre Liebe, der sie in Gestalt eines fremden Mannes begegnet zu sein glaubt (er tritt denn auch schon während der ersten Takte kurz in strahlendem Licht auf und wird mit Halbglatze und kleinem Bauch wohlüberlegt eher als Durchschnittstyp gezeichnet - Gefallen macht eben schön!), und hält fast störrisch fest an ihrem Traum vom bürgerlichen Glück, der vorn auf der Bühne durch Requisiten wie Schachteln mit Erinnerungsstücken und biederem Kaffeeservice, Fotoalben, ein paar Büchern, einem Sofa und nicht zuletzt einem Barbiepuppenpaar illustriert wird, das die gleichen Kleider trägt wie deren Besitzerin und ihr Traummann und mit dem die junge Frau ihre Vorstellungen vom trauten Heim zu zweit nachspielt. Dass die Goldgräber in bewusster, den Kern der Vorlage aber nicht kompromittierender Abänderung des Librettos ihre lange zurückgehaltenen Aggressionen und Zerstörungsphantasien nicht nur an dem von Außen in das Minenghetto einbrechenden Johnson auslassen, sondern auch an Minnie selbst, wirkt ebenso logisch wie viele andere kleinere Eingriffe in das Original, die hier aber nicht aus mangelndem Respekt resultieren, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Werk und den Wunsch erkennen lassen, es seinem Schattendasein in Puccinis Oeuvre zu entreißen.

Minnie (Barbara Schneider-Hofstetter) und ihr lang ersehnter "Traummann" (Mauro Nicoletti), der sich im Camp als Dick Johnson vorstellt, bei dem es sich aber eigentlich um Ramerrez handelt, den Chef eines mexikanischen Verbrecherclans.

Das Stück steht und fällt natürlich mit der Interpretin der immens schwierigen Titelpartie, und da hatte man mit Barbara Schneider-Hofstetter eine Sängerin gefunden, die den vielfältigen Anforderungen hervorragend gewachsen war (und auf die auch die Bayreuther Festspiele aufmerksam geworden sind, bei denen sie im Sommer als Venus im Tannhäuser debütieren wird): Ihr angemessen jugendlich klingender Sopran hat genügend Volumen in der vor allem im ersten Akt stark geforderten Mittellage und Tiefe, die hinsichtlich der Farbe an eine Mezzovergangenheit denken lassen, er hat eine erstaunliche Durchschlagskraft und ausreichend "Metall" in der Höhe (dass ihr einige der Spitzentöne ein bisschen verrutschten, fiel da weniger ins Gewicht - beim hohen Cis haben prominentere Kolleginnen selbst bei Studioeinspielungen mogeln müssen), er zwingt durch das durchaus eigenwillige Timbre, das mich ebenso wie der vokale wie darstellerische Totaleinsatz an die gleichfalls hochindividuelle Stimme der legendären Inge Borkh erinnerte, zum Zuhören und ist flexibel genug für manche Phrasierungsfeinheit, Pianogesang und die Koloraturen in der Erzählung über das idyllische Leben in den Bergen. Mauro Nicoletti überzeugte nicht nur in "Ch'ella mi creda", dem einzigen "Hit" des Werkes, sondern durchgängig besonders durch die kraftvoll-ungefährdete Höhe seines angenehm, wenn auch etwas allgemein timbrierten, insgesamt vielleicht für diese heldische Partie etwas zu leichten, aber ohne Forcieren geführten Tenor und ein nie nachlassendes Bemühen um Gestaltungsnuancen. Einen glänzenden Eindruck hinterließ auch der Finne Raimo Laukka, der als Jack Rance mit seinem dunkel gefärbten, in allen Lagen problemlos ansprechenden Bariton eine ausgewogene Balance zwischen präziser Deklamation und Schöngesang fand und sich anders als manche Fachkollegen nicht auf ein enervierendes Dauerforte beschränkte. Von den Interpreten der kleineren Partien sei der ungemein involvierte Günter Kiefer als Sonora hervorgehoben, ferner Jochen Elbert, der als hinkender Nick eher darstellerisch als gesanglich überzeugte, Erik Kirchhoff, der den resigniert-schlichten Ton des Jack-Wallace-Liedes gut traf, sowie Axel Wagner, der mit schütterem Material den Wells-Fargo-Agenten Ashby portraitierte. Nicht unerwähnt bleiben darf die bestechende Leistung des Herren- und Extrachores, der dynamisch sehr differenziert sang und sich als zu zartesten Nuancen fähig erwies (etwa bei der Untermalung von Minnies und Johnsons Walzer).

Minnie (Barbara Schneider-Hofstetter) kämpft für ihr Glück mit Dick Johnson, das ihr die Minenarbeiter (Solisten, Herren- und Extrachor des Staatstheaters Wiesbaden) und der unglücklich in sie verliebte Sheriff Jack Rance (Raimo Laukka, vorne rechts) missgönnen.

Puccini überrascht in dieser Oper mit einem neuen musikalischen Stil, der hörbar die Kenntnis von Pelléas et Mélisande, Salome und Elektra verrät und sich über weite Strecken "den melodischen Gefälligkeitserwartungen des international-italienischen Publikums" (Dieter Schickling) widersetzt, was nicht nur die Besucher der Uraufführung irritierte, sondern auch Teile des Wiesbadener Premierenpublikum befremdete. Dabei wurde Wolfgang Ott am Pult des Orchesters des Hessischen Staatstheaters nie müde, die musikalischen Qualitäten und die Schönheit des Werkes zu betonen und den Reichtum der meisterhaft orchestrierten Partitur zwischen ätherisch-schwebenden Klängen und ekstatisch-kraftvollen Eruptionen etwa in den Liebesszenen aufzufächern, ohne die Belange des Bühnenpersonals aus den Augen zu verlieren.

FAZIT Ein szenisch wie musikalisch überzeugendes Plädoyer für ein verkanntes Meisterwerk!