Frankfurter Allgemeine Zeitung
18. Juli 2004

KONZERT
Orkan-Warnung: Mozarts "Hochzeit des Figaro" im Palmengarten

Vom Winde verwehte Notenblätter waren der Anfang vom Ende. Dabei hatten anfangs noch bei eitel Sonnenschein die Singvögel in die Musik des Götterlieblings kräftig eingestimmt und wohl wie die meisten Zuhörer nicht geahnt, wie schnell der Wetterumschwung kommen sollte. Nach der Pause begann der dritte Akt von Mozarts Opera buffa "Die Hochzeit des Figaro" in der Freiluft-Produktion der Kammeroper Frankfurt zunächst auch noch szenisch. Als dann aber eine unten mit einer Holzleiste beschwerte Seitenleinwand der Kulisse von Sturmböen erfaßt wurde und auf der Bühne Stühle zum Umsturz brachte und der Graf Almaviva sogar einmal den Kopf einziehen mußte, als es von ferne donnerte und blitzte und dann Regentropfen auf die Instrumente fielen, da mußte das Orchester doch seinen Platz vor der Orchestermuschel des Palmengartens räumen und unter dem Dach Schutz suchen.

Aber auch konzertant ging es nur kurze Zeit weiter. Vom meteorologischen Dienst habe es eine Orkan-Warnung gegeben, hieß es nämlich bald. Der einzig vernünftige Ratschluß war daher, die Premiere ganz abzubrechen und den Zuschauern die Gültigkeit ihrer Karten für die nächste Vorstellung zu bestätigen. Zu erleben war bis dahin eine typische Produktion der Kammeroper, unverkennbar in der Handschrift ihres Leiters und Regisseurs Rainer Pudenz, mit schrägen Gags und ebenso schräger Ausstattung. Dazu zählten die halb modernen, halb historischen Kostüme von Margarete Berghoff und groteske Papp-Requisiten wie eine überdimensionierte E-Gitarre oder eine riesige Hellebarde.

In dem denkbar einfach gehaltenen Bühnenbild von Joao Malheiro war das Gemälde von Mateo Vilagrasa im wahrsten Sinne der Blickfang: ein großes Augenpaar, unter dem sich alles auf die Darsteller konzentrieren sollte. Die Figuren waren nach Pudenz' Art scharf gezeichnet, wenn nicht überzeichnet. Das machte die verworrene Intrigengeschichte besser verständlich. Dazu trug auch die deutsche Übersetzung des Da-Ponte-Textes von Nicolas Brieger und Friedemann Layer bei, was vor allem den Rezitativen zugute kam. Die klare Artikulation aller Sänger war hilfreich. Daß der Graf Almaviva (Johannes M. Kösters) ein hemmungsloser Schürzenjäger, ja regelrechter Triebtäter ist, der Susanna, die Frau seines Dieners Figaro, heftig bedrängt, wurde mehr als deutlich.

Figaro wirkte in der Darstellung von Jürgen Orelly demgegenüber einleuchtend eifersüchtig und daher wild entschlossen, dem Herren eine Lektion zu erteilen. Der selbstbewußte Diener begehrt auf gegen den tumben Adel - diese Botschaft der Oper vermittelte sich schon in den ersten beiden Akten klar. Jana Degebrodt war dazu eine darstellerisch und sängerisch wendige Susanna, Irene Naegelin eine unglückliche und immer etwas geängstigt wirkende Gräfin mit dennoch viel Stimmvolumen und Susanne Jäckh ein schwärmerischer, leicht clownesker Cherubino.

Das Orchester der Kammeroper musizierte unter dem neuen Leiter Anton Zapf sicherer und geschlossener als aus früheren Jahren gewohnt. Die Balance zu den Sängern war stimmig, nichts wurde zugedeckt.

GUIDO HOLZE

 

Frankfurter Rundschau
19. Juli 2004


Eine Orkanwarnung, Schwarz auf Weiß:
Jürgen Orelly als Figaro (links) und Johannes Kösters als Graf.
(Fuhrmanneck)

In provokanter Sittlichkeit
Hagel aus Höchst verhindert Figaros Hochzeit - dennoch beste Stimmung bei der Premiere der Kammeroper Frankfurt

VON STEFAN SCHICKHAUS

Die Wolfsschluchtszene wäre etwas gewesen, der Walkürenritt oder Don Giovannis Höllenfahrt. Doch auch Mozarts Die Hochzeit des Figaro hatte Passendes zu bieten für diesen Moment. Die Pause nach dem zweiten Akt der Premierenvorstellung im Palmengarten war gerade vorüber, Graf Almaviva sang seine Arie "Soll, während ich seufze", als der Sturm kam. Der Graf bäumt sich auf gegen den drohenden Untergang des absolutistischen Machtsystems, als sich das Bühnenbild aufzulösen begann. Mit angstvoll großen Augen schaute er nach links, wo eine Böe die Dekoration erfasste und Stühle umwarf, in seinem Gesicht spiegelte sich die Ahnung vom Ende.

Auf Sonne folgt Regen

Das Ende, es kam dann auch wenig später. In einer kurzen Umbaupause wurde zuvor noch das Orchester der Kammeroper Frankfurt auf die überdachte Bühne verlegt, denn was sich da über dem Palmengarten, seit nunmehr zehn Jahren Sommerspielort der privaten Frankfurter Operntruppe, zusammenbraute, war so schwarz wie die Zukunft der Feudalherrschaft. Das Publikum, wie immer gut ausgestattet mit Kühlboxen und Getränkevariationen, verteilte währenddessen Süßigkeiten an die Sänger. Doch selbst das half nichts: Eine Orkanwarnung war ausgegeben worden, hieß es, von Höchst her drohte Hagel. Die Premiere wurde abgebrochen, das Publikum feierte seine windgepeitschten Helden, die Sorgenmiene des Bühnenbildners Joao Malheiro blieb aber düster. Seiner gräflichen Residenz drohten die Naturmächte.

Begonnen hatte alles heiter und sonnig, ja die Orchestermusiker der linken Hälfte brauchten gar Sonnenbrillen für die Ouvertüre. Am Pult stand Anton Zapf, Erster Kapellmeister der Oper Bonn, der vor 20 Jahren in Stuttgart sein Debüt hatte eben mit Figaros Hochzeit, damals als Einspringer ganz ohne vorherige Orchesterprobe. Auch jetzt bei der Kammeroper erwies sich Zapf als Souverän und Pragmatiker, der sich nicht irritieren ließ durch manche kaum mehr auf die tief stehende Sonne zurückzuführenden abstimmungstechnischen Schatten. Sein Figaro-Dirigat war geradlinig, und Ausfälle wie den des ersten Chorauftritts - das allerdings ein Totalausfall - konnte man kaum ihm anlasten. Die Tempi nahm er eher gemessen als hitzig, was wohl nötig war, weil in deutscher Sprache gesungen wurde. Zwar gibt es im Kammeropernensemble etwa mit Bernd Kaiser oder Peer-Martin Sturm echte Parlandospezialisten, für die nichts zu schnell sein kann, doch der Textverständlichkeit kam die ruhige Schlag doch zugute.

Bis zum dritten Akt, bis die Unwetterfront für eine Bühnendramatik sorgte, wie sie keine noch so teure Maschinerie erzeugen hätte können, ging dieser Figaro recht gesittet und friedlich über die Open-Air-Bühne. Es schien fast, der Kammeroperchef und -regisseur Rainer Pudenz hätte sich bewusst einen Keuschheitsgürtel angelegt, um wieder einmal zu verblüffen - all jene nämlich, die glaubten, er könne ohne erotomanische Anzüglichkeiten nicht auskommen. Purer Sex in einer Mozart-Oper fände allerdings auch wenig Gegenliebe, wie kürzlich in Berlin bewiesen wurde. Und so verzichtete Pudenz bei seinem Gesellschaftsspiel Figaro, dieser nur um das Eine sich drehenden Mozart-Oper, auf so gut wie alles Lendenspiel. Beinahe schon provokant, diese Sittlichkeit.

Die wenigen Minuten mit dem Orchester auf der Bühne und den Akteuren bloß mehr konzertant an der Rampe machten deutlich, was die eigentliche Präsenz dieser Figaro-Produktion ausmacht. Diese Sängerinnen und Sänger verfügen nicht nur über absolut geeignete Mozart-Stimmen, sie stellen auch Typen dar, ganz aus sich heraus. Ihr Mienenspiel, ihre Ausstrahlung sind stets szenenbeherrschend. Allen voran hier der Bariton Johannes M. Kösters als Graf Almaviva, eine bezwingende Gestalt, ein mächtiger Gegenpart im Kampf mit dem liberalen System ebenso wie mit dem Hagel aus Höchst.

Ähnliche Größe zeigt auch sein Figaro Jürgen Orelly, ein pointierter Mime und Vokalist; seine Verlobte Susanna, Jana Degebrodt mit einem fast zu leichten, aber agilen Sopran ist das tänzerische Element der Oper, und auch ihr Gesicht spricht Bände. Einen der stimmlichen Glanzpunkte aber setzte Susanne Jäckh in der burschikosen Bubenrolle Cherubino. Die Arie "Ihr, die ihr kennet" (bekannt als "Voi che sapete") der Dresdner Mezzosopranistin war ein wunderbarer Moment in noch abendlich lauer Luft. Dazu, auch das sehenswert, griff Susanna in die nicht vorhandenen Saiten einer übergroßen rosa E-Gitarre. Ganz züchtig eben, ganz ohne Lederpeitsche.

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Dokument erstellt am 18.07.2004 um 17:25:08 Uhr
Erscheinungsdatum 19.07.2004

 

Frankfurter Neue Presse
19. Juli 2004

Mozart geriet ins Sommergewitter
Die Kammeroper musste im Frankfurter Palmengarten wegen Regens ihre Freiluftpremiere des "Figaro" abbrechen.

Nach der Pause übernahmen nämlich Donner und Blitz die Regie, die vorher Rainer Pudenz wieder so souverän-humorig ausgeübt hatte. Mozarts "Hochzeit des Figaro" stand diesmal auf dem Spielplan des Festivals im Palmengarten, und manch einer, der es mit langen Opern nicht so hat, mochte nach gut zwei Stunden erleichtert feststellen: Endlich einmal ein "Figaro", der nicht so lange dauert. Der verzwickten Handlung – da geht es vielen wie bei Verdis "Troubadour– kann man ohnehin nur mit Mühe folgen. Obwohl dieser "Figaro" in deutscher Sprache gesungen wird.

Die ersten beiden Akte gaben dem Publikum vielerlei Gelegenheit, sich an den komischen Regieeinfällen von Pudenz zu erfreuen und dem unter der neuen Leitung von Anton Zapf wirklich klasse spielenden Orchester zu lauschen. Die Kostüme sind nach alter Kammeroper-Art wieder poppig-albern, seit vielen Jahren verantwortlich dafür ist die verdiente Kostümbildnerin Margarete Berghoff.

Stellvertretend für viele andere sei der Nebendarsteller des betrunkenen Gärtners (Bernd Kaiser) genannt, der mit seinem roten Gartenzwerg-Hut aus der Fernsehwerbung für Dosengemüse stammen könnte. Einfach köstlich! Auch die Zofe Susanna (Jana Degebrodt) und der Titelheld Figaro (Jürgen Orelly) enttäuschten die Erwartungen nicht. Den größten Clou hatte man aber für den liebestollen Grafen Almaviva (Johannes M. Kösters) parat. Unterhalb der Gürtelschnalle zeigte eine eindeutige Ausbuchtung: Dieser Mann ist brandgefährlich! Am Ende jedoch werden alle Brände gelöscht, und wenn es sein muss, durch das Wasser von Sommergewittern im Frankfurter Palmengarten.

MATTHIAS GERHART